Die europäischen Gaspreise haben am Mittwoch erstmals seit drei Jahren die Marke von 100 Euro je Megawattstunde überschritten. Der Referenzpreis TT an der Börse in Amsterdam stieg am Freitagvormittag für den Dezember-Kontrakt auf rund 102 Euro, was einem Zuwachs von über 4 Prozent gegenüber dem Vorabend entspricht. Zum Vergleich lag der Preis Anfang September noch bei etwa 70 Euro und vor Beginn des Konflikts zwischen den USA und dem Iran bei rund 30 Euro.
Hauptursache für die Teuerung ist die gestörte Schifffahrt durch die Straße von Hormus, die für Flüssiggase (LNG) aus dem Nahen Osten zentral ist. Rystad Energy berichtet, dass die LNG-Importe Europas in einer Woche Anfang Oktober um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr sanken. Die Lage verschärft sich durch geopolitische Spannungen: US-Präsident Donald Trump hat laut Wall Street Journal militärische Optionen gegen den Iran geprüft, während der Iran die Meerenge für nicht abgestimmte Schiffe für gesperrt erklärt hat. Auch der Ölpreis reagierte mit einem Anstieg der Nordseesorte Brent auf rund 117 Dollar.
Gleichzeitig sind die europäischen Gasspeicher deutlich leerer als im Vorjahr. In der EU liegt der Füllstand bei etwa 75 Prozent, verglichen mit fast 83 Prozent im Vorjahr; in Deutschland beträgt er rund 61 Prozent gegenüber zuvor 75 Prozent, in Österreich 67,8 Prozent gegenüber 84,1 Prozent. Aufgrund dieser Defizite hat die deutsche Bundesregierung das Staatsunternehmen SEFE angewiesen, zusätzliches Gas zu beschaffen. Prognosen für Anfang November sagen zudem unterdurchschnittliche Temperaturen voraus, was den Verbrauch und den Druck auf die Reserven erhöhen könnte.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar, insbesondere für die Industrie sowie Neukunden in Deutschland, die laut Reuters bereits 55 Prozent mehr zahlen. In Österreich stieg die Inflation im September auf 3,6 Prozent, wobei Energie im Jahresvergleich um 15,1 Prozent und Gas um 11,8 Prozent teurer wurden; in der Eurozone stieg die Inflation auf 3,8 Prozent. Um Haushalte und Unternehmen zu stützen, haben EU-Staaten laut Reuters bereits 17,9 Milliarden Euro aufgewendet. Parallel dazu stiegen die Verkäufe von Wärmepumpen in Europa im ersten Halbjahr um 11 Prozent.
Trotz der Preissteigerungen sieht Klaus Müller, Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, die Versorgung im Winter nicht gefährdet. Er betonte, dass bereits mehr Gas eingespeichert wurde, als im gesamten letzten Winterhalbjahr entnommen wurde. Zudem seien die deutschen LNG-Terminals erst zu rund 45 Prozent ausgelastet und Pipelines aus Norwegen könnten weitere Mengen liefern. Müller lehnte staatliche Markteingriffe ab und verwies darauf, dass die Spitzenpreise von fast 340 Euro aus dem Jahr 2022 noch weit entfernt seien.


