
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnt vor einer sich zuspitzenden Bildungskrise für Millionen Kinder auf der Flucht. Nach aktuellen Zahlen besuchten im vergangenen Jahr rund 5,8 Millionen Flüchtlingskinder keine Schule. Damit blieb 44 Prozent der insgesamt gut 13 Millionen Kinder und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter der Zugang zu Bildung verwehrt. Hilfsorganisationen sehen die Entwicklung mit Sorge – nicht zuletzt, weil sich die globale Finanzierungslage rapide verschlechtert.
Besonders groß sind die Hürden beim Übergang in weiterführende Schulen. Während knapp zwei Drittel der Flüchtlingskinder im Grundschulalter eine Grundschule besuchen, sind in der Sekundarstufe nur etwa ein Drittel eingeschrieben. Nach UNHCR-Angaben liegt die Einschulungsquote an Sekundarschulen bei 32 Prozent. Der Rückgang trifft Mädchen überproportional: Zwar sind Jungen und Mädchen in der Grundschule noch in etwa gleich stark vertreten, doch in der Sekundarstufe bricht der Anteil der Mädchen ein. Armut, Sicherheitsrisiken, Frühehen und andere Belastungen führen demnach dazu, dass immer mehr Mädchen den Unterricht abbrechen.
UN-Flüchtlingskommissar Barham Salih verbindet die nüchternen Zahlen mit einer persönlichen Mahnung. Bildung habe ihm Chancen eröffnet, die ihm durch Vertreibung sonst möglicherweise verwehrt geblieben wären, erklärte der aus dem Irak stammende frühere Präsident. Salih, der als Kind selbst eine Flüchtlingsschule besuchte und später in Großbritannien studierte, bezeichnet Bildung als Schutzfaktor und als Weg zu neuen Möglichkeiten und Selbstständigkeit. In einem neuen Bericht ruft das UNHCR die Geberstaaten auf, die Investitionen in die Bildung von Vertriebenen zu erhöhen.
Der Appell kommt in einer Phase erheblicher finanzieller Engpässe. Nach UNHCR-Angaben benötigt das Flüchtlingshilfswerk in diesem Jahr 8,5 Milliarden US‑Dollar, um Geflüchtete zu schützen und zu unterstützen. Bis Ende Juli waren jedoch lediglich 2,7 Milliarden Dollar zugesagt – knapp ein Drittel des Bedarfs. Bereits Anfang der Woche hatte die Organisation gewarnt, dass wegen der massiven Kürzungen bei den Hilfsgeldern bis zu 8,3 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene den Zugang zu lebenswichtiger Unterstützung verlieren könnten. Neue Einschnitte, so die Befürchtung, würden sich unmittelbar im Bildungsbereich bemerkbar machen und weitere Millionen Kinder aus den Klassenzimmern drängen.
Trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen verzeichnet das UNHCR einzelne Fortschritte im tertiären Bereich. Erstmals setzten 2025 mehr als 450.000 junge Geflüchtete ihre Ausbildung an Hochschulen oder in beruflichen Bildungsgängen fort. Das entspricht nach UNHCR-Angaben einem Anteil von elf Prozent aller Flüchtlingskinder und ‑jugendlichen und damit einem leichten Anstieg gegenüber neun Prozent im Vorjahr. Hilfswerke sehen darin einen Beleg, dass Investitionen in Bildung Wirkung zeigen können – warnen zugleich aber, dass ohne zusätzliche Mittel selbst diese bescheidenen Erfolge nicht zu halten sein werden.

Ein umfangreicher Auswertungsbericht der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) zu digitalen Daten des verstorbenen Justiz-Spitzenbeamten Christian Pilnacek sorgt für neuen politischen und justizinternen Sprengstoff. Chatprotokolle, E-Mails und weitere Unterlagen zeichnen ein Bild tiefgreifender Konflikte innerhalb der Justiz – insbesondere zwischen der WKStA und Teilen der vorgesetzten Behörden. Parallel dazu bereitet ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Befragung von Schlüsselpersonen vor, um mögliche politische Einflussnahmen auf Ermittlungen rund um Pilnacek und dessen Tod zu beleuchten.
Aus der von der WKStA erstellten Expertise zu Pilnaceks Kommunikationsdaten geht hervor, wie der langjährige Leiter der für Strafrecht zuständigen Sektion im Justizministerium über Jahre hinweg gegenüber der WKStA Stellung bezog. Der Bericht zeigt, dass der damalige Wiener Oberstaatsanwaltschef Johann Fuchs im Juni 2019 in einer internen Nachricht erklärte, er sehe es als Aufgabe seiner Amtszeit, eine von der WKStA angeblich offengelegte „Verkommenheit“ im Berufsstand „mit allen Mitteln zu bekämpfen“. Er bezeichnete Pilnacek darin ausdrücklich als Mitstreiter. In dem Gutachten findet sich zudem Material, aus dem hervorgehen soll, wie die Korruptionsstaatsanwaltschaft aufgelöst und neu aufgesetzt werden könnte.
Die Auswertung des Laptops und mehrerer Speichermedien Pilnaceks, die in einem rund 440 Seiten starken Bericht zusammengefasst wurde, behandelt auch seine Kontakte in das Umfeld der ÖVP. Der frühere Sektionschef war von 2010 bis 2020 über alle wesentlichen Strafsachen der Republik informiert und konnte als weisungsbefugter Beamter Ermittlungsschritte mitsteuern oder Berichte anfordern. Laut dem Bericht kooperierte er in dieser Zeit eng mit ÖVP-nahen Personen und wirkte an der Verteidigung von Beschuldigten mit. Nach Bekanntwerden einer Audioaufnahme aus dem Sommer 2023, in der Pilnacek Interventionen von ÖVP-Seite beklagte, leitete die WKStA ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannte Täter ein; dieser Interventionsakt ist nun ebenfalls Gegenstand des U-Ausschusses.
Der Untersuchungsausschuss, der sich mit den Umständen von Pilnaceks Tod und dem Umgang der Behörden befasst, bekommt das WKStA-Dokument zeitlich passend zur nächsten Befragungsrunde vorgelegt. Zunächst soll ein IT-Experte der WKStA, der für das Auslesen von Datenträgern zuständig ist, Auskunft geben. In den darauffolgenden Tagen werden Exekutivbeamte befragt, darunter der Leiter des Bundeskriminalamts sowie zwei Polizeibeamte aus Niederösterreich, die unter anderem mit Pilnaceks Geisterfahrt Stunden vor dem Fund seiner Leiche in einem Donau-Seitenarm befasst waren. Politisch besonders im Fokus steht der Auftritt von Innenminister Gerhard Karner und dessen Kabinettschefin, nachdem eine vom Ressort in Auftrag gegebene Schulungsunterlage für geladene Auskunftspersonen parteiübergreifend – mit Ausnahme der ÖVP – auf Kritik gestoßen war.
Die Kombination aus internen Justizchats, detaillierter Datenauswertung und politischer Aufarbeitung im Parlament verschärft die Debatte über das Verhältnis zwischen Ministerien, Staatsanwaltschaften und Parteien. Während die WKStA ihre Auswertungsergebnisse in den U-Ausschuss einbringt, suchen Abgeordnete nach Antworten auf die Frage, ob und in welchem Ausmaß versucht wurde, auf Ermittlungen Einfluss zu nehmen – sowohl in prominenten Wirtschafts- und Korruptionsfällen als auch im Zusammenhang mit den Untersuchungen nach dem Tod eines der einflussreichsten Justizbeamten der vergangenen Jahre.